Ein traumatisierter Hund benötigt mehr als Training. Er braucht Sicherheit, Stabilität und eine gezielte Traumatherapie. Viele Hunde leiden unter alten Belastungen, ohne dass Halter:innen die wahren Ursachen erkennen. In diesem Artikel erfährst du, wie du deinen traumatisierten Hund dabei unterstützen kannst, Schritt für Schritt zurück ins Leben zu finden.
Hund Trauma lösen: Die Stabilisierungsphase
Wie du bereits im ersten Teil gelesen hast (diesen findest du hier), befindet sich der Körper eines traumatisierten Hundes in einem Überlebensmodus. In dieser Phase ist Hundetraining meist gar nicht möglich und tatsächlich auch nicht nötig, da dein Hund etwas anderes braucht. In der Stabilisierungsphase wird intensiv an dem körperlichen Gleichgewicht gearbeitet, um Nervensystem, Gehirn und Hormonhaushalt wieder in die richtige Bahn zu leiten. Nur ein „rund laufender“ Körper kann den Überlebensmodus verlassen, wieder am Alltag teilnehmen und lernen. Auch wenn der Körper bei jedem Hund gleich funktioniert, so ist der Weg in das Gleichgewicht bei jedem Hund anders. Ziel der Stabilisierungsphase ist Stress reduzieren, Vertrauen und Bindung aufbauen und Sicherheit vermitteln. Ohne dies = keine Heilung!
Serotonin im Gehirn
Hunde die viel Stress haben, und das ist bei einem Trauma definitiv der Fall, haben einen Serotoninmangel im Gehirn. Ein Neurotransmitter der das Wohlbefinden, die innere Zufriedenheit, das Lernen, die Impuls- und Angstkontrolle sowie den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst. Ein Mangel kann daher Unwohlsein, Unzufriedenheit, Angst, Impulsivität sowie Schreckhaftigkeit und Schlafmangel hervorrufen. Da Serotonin dem Körper nicht einfach zugefügt werden kann, nutzen wir die Aminosäure Tryptophan, denn daraus und in Kombination mit Vitamin B, wird Serotonin im Gehirn gebildet. Manchmal reicht es schon, wenn du deinem Hund Haferflocken in das Futter beimischst. Können diese nicht verfüttert werden, so gibt es andere Möglichkeiten, die Aminosäure und die B-Vitamine dem Körper zuzuführen. Wichtig: Du musst ab sofort Stress vermeiden, denn Serotonin kann nur gebildet werden, wenn das Stresshormon niedrig ist. (Schau gerne auch hier: Das körperliche Gleichgewicht)
Stressmanagement
Nicht nur um den Serotoninmangel im Gehirn auszugleichen, sollte Stress vermieden werden, sondern auch um die anderen körperlichen Systeme wie Nervensystem und Hormonhaushalt wieder in das Gleichgewicht zu bringen. Und das geht nur, wenn ein sehr gutes Stressmanagement getätigt wird. Beispiele: Dein Hund will nicht Gassi gehen. Dann darf er ab sofort einfach nur den Garten nutzen oder kurz vor die Tür. Bekommt dein Hund Panik, wenn du das Zimmer betrittst, dann kündige dein Eintreten mit einem Signal an, verhalte dich unauffällig und spiegel deinen Hund (dazu gleich mehr). Die Ankündigung bereitet deinen Hund auf etwas Unangenehmes vor und er kann mit der Situation meist besser umgehen. Gleichzeitig zeigst du deinem Hund, dass du auf ihn achtest und der Schreck- oder Panikmoment wird abgemildert, welcher wiederum die Ausschüttung der Stresshormone reduziert.
Führung & Vorhersehbarkeit
Sei für deinen Hund vorhersehbar und auch einschätzbar. Beschütze deinen Hund vor anderen, gefährlichen und stressigen Situationen. Erkenne seine Körpersprache an, d.h. möchte er nicht angefasst werden oder deine Nähe nicht? Geh darauf ein und respektiere seine Entscheidungen. So unterstützt du die Selbstwirksamkeit deines Hundes. Er muss unbedingt lernen, dass er in seinem Umfeld ein Mitbestimmungsrecht hat und dass er die Situation kontrollieren kann. Wir erinnern uns: ein Trauma wird u.a. erzeugt durch einen massiven Kontrollverlust. Erkennst du ihn an, so kann er lernen, sich wieder zu vertrauen und sein Selbstbewusstsein steigt.
Spiegeln & Deeskalation
Vermeidet dein Hund Kontakt mit dir oder anderen Familienmitgliedern? Das ist tatsächlich ganz oft der Fall. Spiegel deinen Hund und vermittel ihm so Sicherheit: Ignoriert dich dein Hund, so ignorierst du ihn ebenfalls liebevoll. Sei dennoch offen und bereit, jederzeit ein Kontaktangebot zu erwidern oder vielleicht minimale Kontaktangebote zu senden. Sei behutsam, nimm dabei eine defensive Körperhaltung ein und sende Beschwichtigungssignale / Deeskalationssignale.
Freude & positive Erfahrungen
Freude ist so wichtig um das Trauma zu bewältigen, denn nur so ist der Blick nach vorne möglich. Schau also ob dein Hund irgendetwas gerne mag, z.B. den Nachbarshund, den Hüttenkäse aus einem Kong schlecken, das Erschnüffeln von Leckerlis, die abendliche Streicheleinheit oder den Platz vor dem brennenden Kamin. Es spielt wirklich keine Rolle was es ist, es muss deinem Hund einfach nur guttun. Und auch wenn du hier vielleicht etwas länger überlegen musst, es lohnt sich.
Sicherheitszone & Rückzugsorte
Das kann ein eigener Raum oder eine abgelegene Ecke sein. Dieser Bereich ist ausschließlich für deinen Hund reserviert und darf nur im Notfall und dann nur mit dem Ankündigungssignal, z.B. „Achtung“ betreten werden. Das Signal und die dahinterstehende Intention hatte ich dir bei dem Punkt „Stress vermeiden“ bereits erläutert. Wenn dein Hund dies mag, dann kannst du ihm auch eine Höhle bauen. Denk immer daran: Dein Hund kann sich erst öffnen, wenn er sich sicher fühlt.
Aromatherapie & natürliche Unterstützung
Die Aromatherapie ist besonders hilfreich für traumatisierte Hunde. Ätherische Öle und Hydrolate setzen im limbischen System an (das Emotionszentrum im Gehirn), das bei einem traumatisierten Hund sowieso schon sehr aktiv ist. Natürlich geht es auch ohne Öle und Hydrolate, jedoch bringen diese eine unglaubliche Unterstützung im Heilungsprozess der Psyche. Mehr dazu erfährt du hier.
Rituale geben Sicherheit
Sicherheit ist bei der Traumatherapie das A und O, denn wie bereits erwähnt: ohne Sicherheit keine Heilung. Daher strukturiere deinen Alltag so, dass alles, was mit dir und deinem Hund zu tun hat, immer zur gleichen Zeit passiert. Das wiederum gibt deinem Hund Sicherheit, was wiederum die Angst und den Stress mindert. Zum Beispiel gehst du ab sofort immer den gleichen Spazierweg. Immer neue Wege oder 3 verschiedene Runden überfordern die Hunde. Der eigentliche Spazierweg und auch der Weg nach draußen sollte immer zur gleichen Zeit in der gleichen Abfolge ablaufen.
Beziehung stabilisieren
Die Stabilität in eurem sozialen Gefüge ist essenziell, um traumatisierten Hunden die Sicherheit zu geben, die sie benötigen. Wir erinnern uns: Nur wer sich sicher fühlt, nimmt sich die Zeit zu heilen. Für Hunde ist dieses Konstrukt, genauso wie für uns Menschen, lebensnotwendig. Es gibt die Menschen, die viel Verantwortung übernehmen und solche, die eben „nur“ Anweisungen entgegennehmen und beide Seiten sind damit zufrieden und fühlen sich sicher.
Schilddrüsenprofil
Ein Tierarzt Check ist unerlässlich, denn traumatisierte Hunde sind so angespannt, dass Schmerzen vorprogrammiert sind. Auch das hohe Stresslevel kann eine „erlernte Schilddrüsendysfunktion“ hervorrufen. Am besten suchst du dir dazu einen Tierarzt, der einen Zusatz in der Verhaltenstherapie hat. Hier kannst du auch schauen: Suche Verhaltenstierärzte – GTVMT. Ansonsten kann dein Tierarzt die Schilddrüse anhand eines Schilddrüsenprofils prüfen. Bitte kein (großes) Blutbild. Diese sind NICHT aussagekräftig. Warum das so ist, erfährt du hier.
Erwartungen minimieren
Egal wie alt dein traumatisierter Hund ist, behandle ihn wie ein Welpen. Welpen können sich nicht lange konzentrieren, machen das, was sie für richtig halten und müssen einfach noch sehr viel lernen. In diesem Zustand befindet sich gerade dein traumatisierter Hund. Weniger ist mehr! Zudem nimmst du dir und deinem Hund sehr viel Druck.
Erfolgreiche Traumatherapie erkennen
Oft bemerken die Halter:innen, dass die Hunde gestresster scheinen oder Angst haben. Das ist in erster Linie ein gutes Zeichen, denn der Hund beschäftigt sich nun mehr mit seiner Außenwelt, ist also außerhalb seiner Blase aktiv. Dennoch muss hier das Stressmanagement und der Behandlungsplan angepasst werden. Ein Verhaltenstieratzt sollte ebenfalls konsultiert werden, denn medizinische Ursachen müssen ausgeschlossen werden. Auch können heftige Reaktionen wie Aggression oder Erstarren erfolgen. Ein Zeichen dafür, dass der Hund bzw. sein Nervensystem nun den Sympathikus (auch bekannt als die 5Fs = 5 Konfliktstrategien. Und ja, es sind % und nicht 4F´s) aktiviert. Der Hund setzt sich mit der Situation auseinander und reagiert. Hier muss ebenfalls die Behandlungsstrategie angepasst werden, um dem Hund entsprechende Unterstützung zu bieten, solche auslösenden Situationen zu bewältigen. Vielleicht fängt dein Hund auch wieder an zu schnüffeln oder ist plötzlich nicht mehr taub? Alles vorgekommen und ein richtiger AHA-Moment. Vielleicht bemerkst du auch, dass dein Hund keine 20 Stunden Schlaf mehr benötigt, sondern pendelt sich bei den normalen 18 Stunden ein? Ein toller Fortschritt.
Du vermutest, dein Hund ist traumatisiert? Ich helfe dir und deinem Hund dabei, deinen Hund zu stabilisieren und das Trauma aufzulösen. Sende mir jetzt deine Anfrage oder erfahre hier mehr über den Ablauf der Traumatherapie für Hunde.