Rund um die Hundeerziehung halten sich zahlreiche Mythen: „Ein Hund muss der Rudelführer sein“, „Schwanzwedeln bedeutet Freude“, „Hunde müssen jeden Tag ausgiebig spazieren gehen“ oder „Hunde sollten Konflikte unter sich klären“. Doch was davon stimmt wirklich?
In diesem Artikel findest du 30 verbreitete Mythen über Hundeerziehung und Hundeverhalten und meine Einschätzung dazu aus über 12 Jahren Erfahrung in der Arbeit mit Hunden und ihren Menschen. Dabei geht es nicht nur darum, ob eine Aussage richtig oder falsch ist. Entscheidend ist, welches Verhalten dein Hund tatsächlich zeigt, was dahintersteckt und wie du im Alltag sinnvoll darauf reagieren kannst.
Kurz gesagt:
Hundeerziehung funktioniert nicht nach pauschalen Regeln. Entscheidend sind die individuelle Situation, die Körpersprache des Hundes, sein Erregungslevel und die Beziehung zwischen Mensch und Hund.
Schau dir die 30 Mythen an und prüfe selbst, welche davon dir im Alltag mit deinem Hund bereits begegnet sind.
Die 30 häufigsten Mythen über Hundeerziehung
In den letzten 12 Jahren begleiteten mich so einige Märchen rund um die Hundeerziehung, die ich teilweise selbst geglaubt habe. Doch durch die Erfahrung vieler Kundenhunde die ich begleiten durfte und darf sowie durch meine eigene Hündin Nala, konnte ich sehr viele für mich als nichtig erklären. Einige beeinträchtigen das Zusammenleben, die Kommunikation und somit die artgerechte Hundeerziehung sehr, weshalb ich sie dir hier aufgeführt und plausibel widerlegt habe. So kannst du dir einen Überblick verschaffen, egal ob du gerade in der Labrador Erziehung steckst oder dein Hund einer anderen Rasse zugehört, denn ein Hund ist ein Hund.
1. Schwanzwedeln bedeutet Freude
Nein. Schwanzwedeln bedeutet nicht automatisch, dass ein Hund sich freut.
Die Rutenbewegung und die Bewegungsintensität sagen nichts über die Emotionen eines Hundes aus, sondern spiegeln den Erregungszustand wieder. Dieser Erregungszustand kann positiv als auch negativ sein, welcher jedoch nicht über die Rute kommuniziert wird. Beobachte doch mal: Ist die Situation zwischen zwei Hunden angespannt, kannst du eine Rutenbewegung feststellen und das ist keine Freude.
2. Ist Strafe in der Hundeerziehung wirklich schlecht?
Nein. Strafe ist nicht grundsätzlich schlecht. Entscheidend ist, was unter Strafe verstanden wird und wie sie eingesetzt wird. Grenzen können einem Hund Orientierung geben, sollten aber ruhig, fair und ohne Gewalt oder Einschüchterung vermittelt werden.
Hier müssen wir erstmal ganz klar definieren, was Strafe bedeutet, denn fälschlicherweise wird in unserer Gesellschaft dieses Wort mit körperlicher Gewalt oder unsozialem Verhalten (z.B. anschreien) assoziiert. Eine Strafe wird jedoch immer dann als Strafe empfunden, wenn das eigene Bedürfnis nicht erfüllt wird, z.B. das Hinsetzen statt des Losspringens. Je nach Persönlichkeitstyp wird das Strafmaß von jedem einzelnen Hund unterschiedlich bewertet. Was jedoch wichtig ist und leider oft vergessen wird: Wird der Hund gestraft, weil er sich dem Artgenossen gegenüber unsozial verhält, sollte dies leise, fair, emotionslos und immer mit einer vorgegebenen Lösung vom Halter geschehen. Einfach einen Leinenruck zu geben ist wenig konstruktiv, der Hund stumpft ab und/oder hält sich aus Angst zurück. Setzen wir eine Strafe konstruktiv, so kennen unsere Hunde die Grenzen und Grenzen geben Orientierung.
3. Braucht mein Hund ausschließlich positive Verstärkung und Lob?
Nein. Hundeerziehung besteht nicht ausschließlich aus Lob und Belohnung. Aus meiner Sicht braucht ein Hund neben positiver Verstärkung auch klare Grenzen und verständliche Konsequenzen, damit er sich sicher in unserer Menschenwelt orientieren kann.
Loben wir unsere Hunde für alles was sie tun und bekommen dafür immer einen Keks, so haben wir mehrere Probleme die sich irgendwann im Hundeleben zeigen werden:
- Zum einen tut dein Hund alles nur noch für einen Keks, statt für dich, was einer Erpressung gleichkommen könnte. Nicht gerade die Verbindung, die wir uns wünschen.
- Hast du keinen Keks dabei, wird er das gewünschte Verhalten nicht zeigen.
- Er geht dadurch eher einem Ritual nach, statt mit dir in die Kommunikation zu kommen.
- Sicherheit und Vertrauen können sich nicht so vertiefen, wie es sein sollte, denn diese werden ausschließlich durch Zweisamkeit (Freude/Verbundenheit) und Grenzen etabliert.
- Futter erzeugt bei den meisten Hunden eine Erwartungshaltung, die die Erregung steigert. Da wir uns einen entspannten Hund wünschen, ist diese Erregung kontraproduktiv.
Nur „ja“ sagen bedeutet gleichzeitig unerwünschtes Verhalten vom Hund zu ignorieren. Ignoranz sagt deinem Hund jedoch nur „das ist ok, was ich mache“, obwohl es absolut nicht ok ist. Wie oben schon beschrieben: Ein guter Mix aus positiv und negativ helfen deinem Hund sich in unserer Menschenwelt zurecht zu finden. Nur so kann das Zusammenleben zwischen Mensch und Hund gut funktionieren.
4. Soll ich meinen Hund bei unerwünschtem Verhalten ignorieren?
Nein. Unerwünschtes Verhalten sollte grundsätzlich nicht ignoriert werden. Ein Hund braucht aus meiner Sicht neben der Bestätigung erwünschten Verhaltens auch eine klare Rückmeldung, wenn sein Verhalten nicht erwünscht ist.
Wie oben schon beschrieben, weiß der Hund in vielen Situationen nicht, dass er gerade etwas falsch macht. Auch wenn der Hund dann wieder gutes Verhalten zeigt und dafür Lob erhält, weiß er immer noch nicht was falsch lief, sondern nur, was gut war. Wenn dein Hund am Zaun bellt, wird er nicht damit aufhören, wenn du ihn belohnst, wenn er leise ist. Das liegt daran, dass Hunde untereinander nach einer „Lass-das-Mentalität“ leben, d.h. es wird viel gedroht, um Grenzen abzustecken. Akzeptables Verhalten hingegen wird ignoriert, da dies von jedem erwartet wird. Wir Menschen erhalten auch kein Lob oder eine Belohnung, wenn wir „Bitte und Danke“ sagen. Es wird von uns schlichtweg erwartet und demnach ignoriert, wenn wir dem nachkommen. Sind wir jedoch „unhöflich“, so erhalten wir direkt abwertende Blicke und Anmerkungen unserer Mitmenschen und werden dadurch „bestraft“.
5. Soll ich Hunde einen Streit unter sich klären lassen?
Nein. Fremde Hunde sollten Konflikte grundsätzlich nicht unter sich klären müssen. Halter sollten Hundeverhalten lesen, Situationen rechtzeitig einschätzen und Verantwortung übernehmen, bevor aus Kommunikation ein ernsthafter Konflikt wird.
Die meisten Hunde bekommen sich in die Wolle, weil wir Halter nicht/zu wenig die Hundesprache sprechen und mit unseren Hunden in dieser kommunizieren. Es ist nicht in Ordnung, wenn mein Hund andere Hunde attackiert oder gemobbt wird. In beiden Fällen sollte jeder Hundehalter:in die Verantwortung übernehmen und die Situation kontrollieren und im besten Fall klären. Leben die Hunde in einer sozialen Gemeinschaft, so sieht alles nochmal etwas anders aus. Sind die Hunde sich fremd, ist es wichtig, dass wir Halter:innen Verantwortung übernehmen. Nur unter bestimmten Voraussetzungen sollten wir Hundehalter eine Auseinandersetzung unter fremden Hunden laufen lassen, ansonsten kann es schnell unschön werden: Jeder Hundehalter sollte seinen und den Fremdhund sehr gut lesen können. Er sollte den Unterschied zwischen Imponier- und Drohverhalten kennen, denn in diesem Wechsel kippen die meisten Situationen und die Hunde beißen sich. Zudem gehört ein sehr gutes Bauchgefühl dazu und jeder Halter sollte seinen Hund auch in anspruchsvollen Situationen abrufen können. Ist das nicht der Fall, so kann eine Auseinandersetzung ganz schnell sehr ungemütlich werden.
6. Darf mein Welpe wild und aufgedreht sein, weil er noch jung ist?
Nein. Lebhaftigkeit gehört zum Welpenalter, aber ein dauerhaft zu hohes Erregungsniveau sollte nicht einfach mit „der ist noch jung“ entschuldigt werden. Ruhe, Grenzen und die Fähigkeit, sich zurückzunehmen, sind wichtige Grundlagen für einen entspannten Alltag.
In unser heutigen Gesellschafft ist es leider selbstverständlich, dass ein hohes Energielevel, vor allem bei den Welpen, von uns Halter:innen geduldet oder sogar noch (oft unbewusst) bestätigt wird. Natürlich sind die Jungen noch lebhafter und das dürfen sie auch bis zu einem gewissen Maß sein. Doch zu viel hohe Energie ist nicht nur schlecht für den Hund, sondern auch für das Rudel, die Umgebung und das ganze Hundeverhalten, weil unser Hund daraus lernt, dass wild sein ok ist. Aber keiner von uns oder unseren Hunden mag unruhige Lebewesen um sich herum. Sogar die Mutterhündin zeigt von Anfang an: lebhaft -> ok, wild -> nein! Wir Halter:innen dürfen dies von der Mamahündin einfach mitübernehmen. So lernt unser wilder Vierbeiner schnell, sich zurückzunehmen und zu entspannen. Der wichtigste Grundstein für einen entspannten Alltag.
7. Müssen Hunde richtig wild miteinander spielen?
Nein. Mehr und intensiveres Spielen ist nicht automatisch besser für einen Hund. Entscheidend ist, ob Hunde im Spiel ansprechbar bleiben, Pausen machen und anschließend wieder zur Ruhe finden können.
Wie oben schon beschrieben, ist das „Durchdrehen“ mit dem Hundekumpel absolut kontraproduktiv. Adrenalin und Dopamin fluten den Körper und wirken wie eine Droge, nach der er immer mehr verlangt. Umso öfter unser Hund beim Spielen durchdreht, umso mehr wirkt sich dies auf andere Alltagssituationen aus. Ein gutes Hundespiel kann auch mal schnell sein (rennen), doch sind viele Spielstopps und Wechsel mit dabei. Und dann darf nochmal geschaut werden, ob das Spiel wirklich ein Spiel ist, denn oft ist das nicht der Fall.
8. Braucht mein Hund möglichst viel Auslastung?
Nein. Bevor ein Hund immer weiter ausgelastet wird, sollte er lernen, zur Ruhe zu kommen und Pausen auszuhalten. Aus meiner Erfahrung sind viele Hunde eher überfordert als unterfordert.
In den letzten 12 Jahren meiner Tätigkeit waren es genau 3 Hunde, die unterfordert waren. Alle anderen waren eher überfordert mit sich und dem Tagespensum, welches ihnen aus Liebe auferlegt wurde. Auslastung ist wichtig, vor allem für anspruchsvolle Rassen. Doch umso mehr der Fokus auf der Auslastung liegt, umso weniger kommen unsere Hunde zur Ruhe und verlernen diese im schlimmsten Fall. Vor der Auslastung steht demnach immer das Erlernen von Ruhe und Pausen, und zwar auf Knopfdruck! Erst wenn dein Hund runterfahren kann, ist das Auslastungsthema dran.
9. Gewöhnt sich mein Hund von allein an Angst und neue Reize?
Nein. Ein Hund gewöhnt sich nicht automatisch an belastende Situationen. Bei emotionalen Themen wie z.B. Angst, Trauma oder Hochsensibilität kann unkontrollierte Reizüberflutung den Stress erhöhen und Vertrauen beeinträchtigen, statt eine hilfreiche Gewöhnung zu ermöglichen.
Es gibt viele Gründe, warum sich ein Hund nicht ohne deine aktive Unterstützung an Situationen oder Reize gewöhnen kann. Etwa, wenn ein Trauma vorliegt, die Emotion Angst im Vordergrund steht oder der Hund hochsensibel ist. Angenommen du gehst mit deinem Hund in ein Café, damit er seine Angst vor Menschenmengen verliert. Entweder wird dein Hund völlig panisch oder er wird sich ergeben und die Situation über sich ergehen lassen. In beiden Fällen hat dein Hund nicht nur nichts gelernt (zu viel Stress blockiert das Lernen), sondern das Vertrauen zu dir wird stark belastet. Diese reine Reizüberflutung ist eine Therapieform (flooding), von der ich absolut abrate, denn hierbei geht mehr kaputt als gewonnen wird.
10. Darf ich meinen Hund zu etwas zwingen, wenn er Angst hat?
Nicht pauschal. Entscheidend sind Vorbereitung, Vertrauen und die Art der Unterstützung. Wenn die Basis stimmt, kann es aus meiner Sicht notwendig sein, einen Hund aktiv aus einem festgefahrenen Verhaltensmuster herauszuführen, anstatt ihn damit allein zu lassen.
Wie oben beschrieben, ist es NICHT in Ordnung den Hund ohne Vorarbeit in einer Situation sich selbst zu überlassen. Doch wenn die Basis vorhanden ist, tiefes Vertrauen und Sicherheit zum Halter besteht, so ist es sogar wichtig den Hund mit aktiver Unterstützung aus Verhaltensmustern und Situationen zu befreien, auch wenn der Hund das zunächst nicht möchte. Würden wir das nicht tun, würde der Hund es nicht selbst schaffen und bleibt in seinem alten Verhaltensmuster gefangen. Manchmal ist es wichtig, dem Hund zu helfen, Situationen neu zu bewerten.
11. Muss ich als Mensch zuerst durch die Tür gehen?
Nein. Wer zuerst durch die Tür geht, entscheidet nicht automatisch über eine Dominanzbeziehung. Entscheidend ist aus meiner Sicht, ob der Hund die vom Menschen gesetzte Grenze akzeptiert und seine Erwartungshaltung regulieren kann.
Diesen und ähnliche Sätze („der Hund darf nicht auf die Couch und zuerst isst der Mensch, dann der Hund“) sollen dem Hund demonstrieren, dass der Mensch der Rudelführer ist. Tatsächlich ist dies jedoch ein Irrglaube, denn ein Rudelführer hat nicht immer den besten Liegeplatz, er läuft nicht immer voran oder frisst zuerst. Er könnte all dies jedoch zu jeder Zeit für sich beanspruchen, wenn er das wollte und das Gegenüber akzeptiert dies freiwillig. Nur durch die Akzeptanz der Beanspruchung entsteht eine Dominanzbeziehung, vorher nicht. Daher sollte der Fokus nicht auf „Erster/Zweiter“ liegen, sondern darauf, mit welcher Energie unser Hund etwas tut und wie er darauf reagiert, wenn wir Hundehalter etwas beanspruchen. Beispiel Tür – keine Dominanzbeziehung: Vor dem Spaziergang wird der Hund vom Halter mit der Wade/dem Fuß von der Tür weggedrängelt. Dann öffnet er die Tür, wobei der Hund sich vielleicht noch zurücknehmen kann. Dann geht der Halter durch die Tür und spätestens, wenn die Leine sich spannt, schießt der Hund los, am Halter vorbei. Hier wurde der Hund äußerlich (vielleicht sogar mit Signal) in eine Position gebracht, jedoch ist der Hund mit dem Kopf immer noch in der hohen Energie und hat nur Augen/Ohren für das „go“, statt für den Halter. Beispiel Tür – Dominanzbeziehung: Ich zeige meinem Hund körpersprachlich und aktiv, dass er zu nah an der Tür ist, wobei ich seine Akzeptanz einfordere. Ohne diese geht es nicht weiter. Akzeptiert er dies, reguliert er seine Erregung und Erwartungshaltung automatisch runter. Er orientiert sich an mir und geht gesitteter raus, weil ER sich dafür entschieden hat.
12. Wie sollte ich reagieren, wenn mein Hund immer aufgeregter wird?
Nein. Je höher die Erregung des Hundes, desto ruhiger sollte der Mensch reagieren. Ein emotional aufgeladener Hund braucht aus meiner Sicht keine zusätzliche Aufregung durch einen ebenfalls aufgeregten Halter.
Umso hibbeliger und emotionaler ein Hund auf irgendeine Situation reagiert, umso ruhiger sollte der Halter reagieren, ansonsten bauscht sich die Energie noch weiter auf. Zum anderen möchte ich, dass mein Hund sich ruhig(er) verhält, daher sollten wir Halter mit der entsprechenden ruhigen Energie als Vorbild vorangehen.
13. Brauchen große oder kräftige Hunderassen eine härtere Erziehung?
Nein. Anspruchsvolle oder körperlich sehr kräftige Hunde können ein anderes Handling benötigen, aber das bedeutet nicht, dass sie härter behandelt werden sollten. Aus meiner Sicht gilt: strenger und klarer kann notwendig sein, härter jedoch nicht.
Es gibt Rassen, die aufgrund von Gewicht, Genetik und Verhaltensintensität ein anderes Handling benötigen als andere. Dennoch rechtfertigt dies keinesfalls eine „härtere“ Hand als bei anderen Hunden. Strenger ja, härter nein. Ein harter Umgang sagt zudem mehr über den Halter aus, als über den Hund und das weiß er auch.
14. Soll ich meinen Hund bei Angst ignorieren?
Nein. Angst sollte grundsätzlich nicht ignoriert werden. Zuwendung verstärkt die Emotion Angst nicht automatisch. Entscheidend ist vielmehr, wie der Mensch auf die Angst reagiert und ob seine Unterstützung dem Hund Sicherheit gibt.
Dieser Mythos bröckelt zum Glück langsam. Die Emotion Angst kann durch Zuwendung nicht verstärkt werden, im Gegenteil. Geteiltes Leid ist halbes Leid, wobei hier die Qualität der Zuwendung eine große Rolle spielt. Einfach nur Halten ist meist besser als viel Streicheln. Das einzige, was durch deine Zuwendung verstärkt wird, ist die Verhaltensreaktion. Diese sind jedoch weitaus weniger schlimm, als der Vertrauensbruch der durch eine Ignoranz entsteht.
15. Hat mein Hund ein Bindungsproblem, wenn er wegläuft?
Nein. Weglaufen ist nicht automatisch ein Zeichen für eine schlechte Bindung. Bindungs- und Erkundungsverhalten sind unterschiedliche Verhaltenssysteme, weshalb das Weglaufen allein keine zuverlässige Aussage über die Qualität der Mensch-Hund-Bindung zulässt.
Wenn dein Hund wegläuft, hat dies nichts mit damit zu tun, ob du mit deinem Hund eine gute, sichere oder eine schlechte Bindung zueinander pflegst, denn das Bindungsverhalten läuft gegensätzlich zu dem Erkundungsverhalten. Nur eins der beiden Systeme kann aktiv sein. Das Bindungsverhalten beinhaltet deine Nähe aufzusuchen und das Erkundungsverhalten beinhaltet die Umwelt zu erkunden. Es handelt sich hierbei also um zwei völlig gegensätzliche Ziele. Äpfel können eben nicht mit Birnen verglichen werden.
16. Hilft eine Kastration bei Verhaltensproblemen meines Hundes?
Nein. Eine Kastration ist keine pauschale Lösung für Verhaltensprobleme. Ob sie sinnvoll ist, hängt vom individuellen Hund, dem konkreten Verhalten und den zugrunde liegenden Faktoren ab und sollte im Einzelfall beurteilt werden.
Sie wird gerne als Lösung für viele Verhaltensprobleme angepriesen, ist meiner Erfahrung nach jedoch oft der Beginn schlimmerer Probleme. Das liegt daran, dass die Produktionsstätte der verhaltensauslösenden Hormone (z.B. bei Aggressionsverhalten) in den Gonaden (Hoden oder Eierstöcke) ODER eben in der Nebennierenrinde liegt. Wird der Hund kastriert, werden die Gonaden entfernt. Lag die Hormonproduktion für das Aggressionsverhalten jedoch in der Nebennierenrinde (und das ist sehr oft der Fall), so reagiert der Hund weiterhin mit einer Aggression. Ob eine Kastration aufgrund des Verhaltens sinnvoll ist oder nicht, ist im Einzelnen zu betrachten und kann bei Rüden mit einem Kastrationschip getestet werden. Hierzu ist jedoch anzumerken, dass eine richtige Kastration sich nochmal anders auf den Körper auswirken kann, als ein Chip.
17. Muss mein Welpe in die Hundeschule?
Nein. Ein Welpe muss nicht zwingend eine Hundeschule besuchen. Entscheidend ist, dass er ausreichend kontrollierte und positive Erfahrungen mit Menschen, Hunden und seiner Umwelt sammeln kann und dabei angemessen sozialisiert wird.
Solange der Welpe ruhigen Sozialkontakt zu anderen unterschiedlichen Hunden hat, sei es durch Nachbarn, Freunde oder auf dem Spaziergang, ist der Besuch einer Hundeschule nicht unbedingt notwendig.
18. Darf mein Hund mit dem Ball spielen?
Ballspielen ist nicht für jeden Hund grundsätzlich verboten. Entscheidend sind Hundetyp, Erregungsniveau, Impulskontrolle und die Fähigkeit, nach dem Spiel wieder zur Ruhe zu kommen. Für manche Hunde kann Ballhetzen jedoch kontraproduktiv sein.
Das Ballhetzen fördert den Jagdtrieb sowie das unkontrollierte Jagen. Zudem werden Adrenalin und Dopamin im Körper ausgeschüttet, die wiederum für Suchtpotential und eine allgemeine innere Anspannung sorgen. Es gibt Rassen, bei denen ein Ballspiel (bereits im Welpenalter) absolut kontraproduktiv ist und später sogar gefährlich werden kann. Doch dann gibt es auch Hunde, die sich nicht zum Balljunkie entwickeln, Spielraum in der Genetik haben und schnell von 100 auf 0 runterzufahren können. Solange dies der Fall ist und euer Alltag entspannt abläuft, spricht nichts gegen ein gesittetes kurzes Ballspiel. Beachte bitte nur eins: Umso höher das Energielevel deines Hundes, umso weniger Impulskontrolle beherrscht er und umso anfälliger wird dein Hund für Verhaltensauffälligkeiten im Alltag.
19. Muss mein Hund jeden Tag lange spazieren gehen?
Nein. Nicht jeder Hund braucht jeden Tag einen ausgiebigen Spaziergang. Je nach Gesundheitszustand, Tagesform und individuellen Belastungen kann es sinnvoll sein, an einzelnen Tagen nur das Notwendige zu tun und dem Hund mehr Ruhe zu ermöglichen.
Der Gassigang ist für uns und unsere Hunde ein Ritual, was Freude und Zusammengehörigkeit bedeutet. Wir Menschen haben dieses erfunden, um einem Hobby nachzugehen oder einfach mal rauszukommen. Eine Entwicklung der Gesellschaft, worüber der Bauer vor 100 Jahren mit seinem Hofhund heute wohl schmunzeln würde. Zum anderen haben unsere Hunde nicht mehr die gleichen Aufgaben wie vor 100 Jahren und unsere Wohnsituation hat sich verändert. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass es Tage gibt, an denen nur das Nötigste zu erledigen ist. Warum? Bist du krank oder dir geht es schlecht, hast mit deinem Hund aber Themen auf dem Spaziergang (z.B. Hundebegegnungen, Ängste oder viel Stress durch Außenreize), so merkt dein Hund deine instabile Energie und alles wird nur noch schlimmer. Daher erlaube dir und deinem Hund Ausnahmen zu machen, die euch im Nachgang mehr nützen, als die ausgiebige Gassirunde durchzuziehen.
20. Kann zu viel Fleisch meinen Hund unruhig machen?
Ja. Ein hoher Fleischanteil ist nicht automatisch für jeden Hund sinnvoll. Bei angespannten oder sehr reaktiven Hunden lohnt sich aus meiner Erfahrung auch ein genauer Blick auf die Ernährung und die individuelle Reaktion des Hundes.
Ist dein Hund angespannt, kommt nicht zur Ruhe, ist oft/immer in Habachtstellung und reagiert unangemessen emotional (Aggression/Angst), dann kann das an zu viel Fleisch liegen. Fleisch enthält die Aminosäure Tyrosin, die wiederum der Baustein für die Stresshormone ist. Fütterst du deinem Hund viel Tyrosin, so „verbaut“ der Körper das, was ihm angeboten wird und entlädt sich im Verhalten. Auch unser Hund ist, was er isst.
21. Muss ich mich für meinen Hund interessant machen, damit er sich an mir orientiert?
Nein. Aus meiner Sicht entsteht Orientierung nicht dadurch, dass der Mensch seinen Hund ständig bespaßt. Verlässlichkeit, klare Kommunikation, faire Grenzen und eine tragfähige Beziehung sind wichtiger als permanente Leckerchen oder Spiele.
Oh ja, wie viele Jahre habe ich mich für Nala „interessant“ gemacht, was mich zugegebenermaßen absolut genervt hat. Dabei sollten wir nicht vergessen an wem wir Menschen uns orientieren. Meist nicht an denen, die uns „bespaßen“, sondern an denen die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen, auch wenn wir uns mal nicht einig sind. Die die immer fair sind und mit offenen Karten spielen. Die, die uns lieben, so wie wir sind. Warum sollte das bei unseren Hunden anders sein? Wenn du möchtest, dass dein Hund dir folgt und sich an dir orientiert, darfst du auch genau das von deinem Hund erwarten. Kommunikation ist eure Lösung, nicht der Keks und auch nicht die ständigen Spiele.
22. Darf ich meinem Hund in die Augen schauen?
Ja. Blickkontakt ist nicht automatisch eine Bedrohung für einen Hund. Entscheidend ist der gesamte Kontext aus Blick, Gesichtsausdruck, Körpersprache, Abstand und emotionaler Haltung des Menschen.
Ein Mythos, der sich wirklich hartnäckig hält und es wert ist, ihn zu durchleuchten. Es heißt, wenn wir unserem Hund in die Augen schauen, würden wir ihn bedrohen. Eine Bedrohung kommt jedoch nur Zustande, wenn alle anderen Parameter wie die Anspannung der Augenbrauen/Mundwinkel/Stirn, die Energie und die entsprechende Körpersprache gleichermaßen bedrohlich ausgerichtet sind. Die Augen selbst können ebenfalls differenziert Emotionen ausdrücken. Doch egal, um welche Emotion es sich handelt, ein Blick sagt deinem Hund in erster Linie „ich rede mit dir“. Es ist daher essenziell unseren Hund anzuschauen, wenn wir etwas von ihm möchten. Menschen, die uns beim Reden nicht anschauen, empfinden wir als unangenehm und komisch, weshalb wir ihnen aus dem Weg gehen. Hinzukommt, dass DU es doch bist, der deinen Hund anschaut und du bist nicht fremd.
23. Ist Konsequenz wichtiger als das richtige Timing in der Hundeerziehung?
Nicht ausschließlich. Aus meiner Sicht ist das richtige Timing wichtiger als bloße Konsequenz. Eine im richtigen Moment gegebene, angemessene Rückmeldung kann für den Hund verständlicher sein als ständige Konsequenz ohne passendes Timing.
Mit dem richtigem Timing bist du für deinen Hund sehr klar und er kann dadurch viel schneller verstehen, was du von ihm erwartest. Dadurch wird er nicht immer wieder z.B. von seiner Decke aufstehen oder etwas vom Boden fressen. So kannst du dich immer mehr zurücklehnen, denn dein Hund versteht was du erwartest und ignoriert dich nicht mehr, da er verstanden und akzeptiert hat. Macht absolut Sinn, oder?
24. Ist mein Hund wirklich dominant oder fehlt ihm einfach Erziehung?
Viele Verhaltensweisen, die als „Dominanz“ bezeichnet werden, sind aus meiner Sicht eher Ausdruck fehlender Grenzen, mangelnder Orientierung oder schlicht unerwünschten Verhaltens und sollten im konkreten Kontext betrachtet werden.
Die meisten Hunde sind eigentlich nur frech und dürften etwas mehr Erziehung und Beziehung genießen 😊
25. Ist eine Hundebox schlecht für meinen Hund?
Nein. Eine Hundebox muss für einen Hund nicht negativ sein. Richtig aufgebaut kann eine begrenzte, sichere Rückzugsmöglichkeit gerade für unruhige oder schnell überforderte Hunde hilfreich sein, sofern sie passend eingesetzt wird.
Es gibt viele Hunde die diese Art der Begrenzung als absolut erholsam empfinden, auch wenn es zu Beginn noch nicht so scheint. Vor allem unruhige, hibbelige und grenzenlose Hunde profitieren von solchen Boxen, was jedoch auch ein normaler offener Hundeplatz sein kann. Wir Menschen brauchen die Freiheit, freuen uns, das ganze Haus auch mal für uns allein zu haben. In unseren Köpfen ist so eine „Freiheitsberaubung“ negativ verknüpft und sollte aufgelöst werden. Hunde die Problemverhalten im Alltag zeigen, profitieren sogar von der Begrenzung, da Freiraum unmittelbar mit dem Sozialverhalten verknüpft ist. Erfahre hier mehr.
26. Muss mein Hund andere Hunde bei jeder Begegnung begrüßen?
Nein. Hunde müssen sich bei Begegnungen nicht grundsätzlich begrüßen. Gerade an Leine und auf engem Raum können erzwungene Kontakte unnötigen sozialen Druck erzeugen; ein Hund darf andere Hunde auch einfach passieren lassen.
Sicher fragst du auch nicht jeden Menschen, der dir begegnet: „Hallo, wer bist du, woher kommst du und wohin möchtest du?“ Komischerweise erwarten wir das aber von unseren Hunden. Hinzu kommt, dass die Kommunikation unserer Hunde durch die Leinen und (sehr) engen Wege massiv eingeschränkt ist, wodurch es zu künstlich erzeugten Konflikten kommt. Normalerweise würden die Hunde sich auf 30 Meter Entfernung sehen und bereits dann entscheiden, Kontakt ja oder nein. Auch wenn die Hunde sich mal nicht begrüßen dürfen, weil es einfach mal so ist, dann geht es den Hunden genauso gut wie vorher.
27. Liebt mich mein Hund weniger, wenn ich ihm klare Grenzen setze?
Nein. Klare Regeln müssen einer guten Mensch-Hund-Beziehung nicht widersprechen. Aus meiner Erfahrung können freundlich und bestimmt gesetzte Grenzen einem Hund Orientierung und Sicherheit geben und dadurch die Beziehung sogar stärken.
Tatsächlich höre ich dies immer mal wieder von Kunden, die vor dem Training befürchten, dass ihr Hund sie nicht mehr liebt, wenn Regeln etabliert und diese freundlich und bestimmend durchgesetzt werden. Doch genau das Gegenteil tritt ein. Umso klarer wir unsere Regeln für uns gesetzt haben und diese freundlich und bestimmend durchsetzen, umso mehr wird unser Hund uns bewundern und sich an uns orientieren. Hunde, die vorher sehr eigenständig waren oder Zuwendungen kaum aushalten konnten, suchen nach wenigen Wochen aktiv die Nähe des Halters. Distanz schafft eben Nähe.
28. Gibt es bei Hunden wirklich einen Welpenschutz?
Nein. Einen pauschalen „Welpenschutz“, der einem Welpen erlaubt, sich alles herauszunehmen, gibt es nicht. Welpen können von erwachsenen Hunden unterschiedlich geduldig behandelt werden, müssen aber ebenso lernen, soziale Grenzen zu respektieren.
Unter Welpenschutz verstehen die meisten, dass Welpen sich sehr viel herausnehmen dürfen und alle Rudelmitglieder beide Augen zudrücken, wenn der kleine Kerl etwas tut, was er nicht tun soll. So etwas gibt es nicht und wenn es so wäre, würde dies absolut keinen Sinn ergeben. Ja, einige Artgenossen sind geduldiger und sanftmütiger als andere, dennoch setzen auch sie die Regeln durch, nur eben auf eine andere Art und Weise. Für jeden Hund ist es wichtig zu verstehen, was er darf und was nicht. Nur so kann er sich sicher in seiner Umwelt bewegen. Würden die Regeln erst nach 3 oder 6 Monaten gelten, so ist dies eine Willkür, die Unsicherheit schürt und zu Unmut führen kann.
29. Bedeutet guter Gehorsam, dass mein Hund mich als Rudelführer akzeptiert?
Nein. Gutes Gehorsamstraining beweist nicht automatisch eine bestimmte Beziehung oder Dominanz zwischen Hund und Halter. Ein Hund kann Signale zuverlässig ausführen und trotzdem Schwierigkeiten im Sozialverhalten oder bei der Emotionsregulation haben.
Wenn ein Hund gut auf Kommandos hört und der Streber in der Hundeschule ist, liegt der Trugschluss nah, dass der Hund sich dem Halter unterordnet und ihn als Rudelführer sieht. Doch ob er das tut oder nicht, entscheidet sich dann, wenn es ums Sozialverhalten geht und nicht um die Ausführung von auftrainierten Signalen. Signale wie „Sitz“ oder „Platz“ unterliegen einem Formalismus. Der Hund hat gelernt sich bei „Sitz“ hinzusetzen. Äußerlich bringen wir unseren Hund somit in eine Form, seine Emotionen hingegen bleiben. Fordern wir in einer anspruchsvolle Situation das auftrainierte „Sitz“ ein, z.B. bei der Hundebegegnung, so wird der Hund diesen Formalismus bis zu einem gewissen Grad ausführen können. Ist der Stress zu hoch, ignoriert er das Signal und reagiert mit einem (meist) unangemessenen Sozialverhalten. In diesem Moment ist dem Hund auch egal, dass der Hundehalter das „Sitz“ verlangt hat. Die Emotion bleibt somit, trotz Ausführung des Signals „Sitz“ vorhanden und der Hund steigert sich hinein. Doch wie in Punkt 11 schon aufgeführt, besteht nur eine Dominanzbeziehung, wenn die Akzeptanz vorhanden ist. Bekommt der Halter die Akzeptanz, also das Einverständnis das Sitzen ok ist, so kann der Hund auch seine Emotionen selbständig regulieren. Wir sollten daher nicht die Erziehungs- und die Beziehungsebene verwechseln. Sehr gut erzogene Hunde können viele Probleme im Sozialverhalten haben, während Hunde mit einem sehr guten Sozialverhalten noch nicht mal das Kommando „Sitz“ beherrschen. Interessant, oder?
30. Will mein Hund mich wirklich beschützen, wenn er Menschen anbellt?
Nein. Bellen, Anspringen oder Leinenaggression gegenüber Menschen bedeutet nicht automatisch, dass ein Hund seinen Halter beschützen möchte. Das Verhalten kann ebenso der Selbstverteidigung, Überforderung oder dem Versuch dienen, eine Situation selbst zu kontrollieren.
Angenommen du gehst mit deinem Hund spazieren und eine Menschengruppe kommt dir entgegen. Dein Hund bellt und springt in die Leine. Die Annahme, dass dein Hund dich in dieser Situation beschützen möchte, liegt nah. Doch tatsächlich sind es nur wenige Hunde, die wirklich ihren Halter bzw. das Rudel beschützen würden. Der Großteil möchte sich nur selbst beschützen, sind der Meinung, sie sind verantwortlich die Situation zu klären oder sind sogar selbst massiv überfordert, weshalb diese unangemessene Reaktion entsteht. Auch das Bellen am Zaun (Wachverhalten) muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass der Hund auch beschützen würde (Schutzverhalten). Hier sollte also nochmal genau geschaut werden, welches Ziel der Hund mit seinem Verhalten verfolgt.
Du möchtest deinen Hund besser verstehen und mit ihm wirklich gut kommunizieren? Ich helfe dir dabei, das Verhalten deines Hundes zu verstehen, seine Bedürfnisse richtig einzuordnen und gemeinsam einen Weg zu finden, der zu euch beiden passt. Sende mir jetzt deine Anfrage oder starte direkt mit dem Online Kurs:
Aktualisierung: September 2026



