Ist dein Hund besonders sensibel oder vielleicht hochsensibel? Mit diesem Test kannst du anhand von 32 Fragen einschätzen, ob dein Hund typische Merkmale von Hochsensibilität zeigt. Hochsensibilität wird als besondere Art der Wahrnehmung und Reizverarbeitung beschrieben und ist nicht gleichzusetzen mit Angst oder Nervosität.
Was ist ein hochsensibler Hund?
Ein hochsensibler Hund nimmt Umweltreize wie Geräusche, Gerüche, Berührungen und emotionale Signale besonders intensiv wahr und verarbeitet diese Reize anders. Dadurch kann er schneller überfordert oder gestresst reagieren als andere Hunde. Hochsensibilität ist dabei keine Krankheit, sondern eine Persönlichkeitseigenschaft.
Die Hochsensibilität ist keine Krankheit und auch keine psychische Störung, sondern eine Persönlichkeitseigenschaft, die 15-20% unserer Hunde in sich tragen. Wie mit allen Eigenschaften (wie Pessimismus und Optimismus) gibt es Vor- und auch Nachteile, die du als Hundehalter:in von einem hochsensiblen Hund sicherlich gut kennst. Doch was genau ist Hochsensibilität und wann ist ein Hund „nur sensibel“?
Sensibler Hund oder hochsensibler Hund – was ist der Unterschied?
Ein sensibler Hund reagiert möglicherweise besonders empfindlich auf bestimmte Situationen oder Reize. Ein hochsensibler Hund nimmt dagegen eine Vielzahl von Reizen besonders intensiv wahr und kann dadurch schneller überfordert sein. Sensibilität kann situationsbezogen auftreten, während Hochsensibilität als Persönlichkeitseigenschaft verstanden wird. Der Begriff „hochsensibel“ sollte deshalb nicht einfach mit „ängstlich“ oder „nervös“ gleichgesetzt werden.
Hochsensibilität beim Hund: Persönlichkeitseigenschaft
Hochsensibilität wird in der Forschung als Sensory Processing Sensitivity (SPS) bezeichnet. Sie beschreibt eine Persönlichkeitseigenschaft, bei der Umweltreize besonders intensiv wahrgenommen und verarbeitet werden. SPS steht mit verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften in Zusammenhang, ist aber nicht einfach mit einem einzelnen Merkmal des Big-Five-Modells gleichzusetzen. Zu den Big Five der Persönlichkeitspsychologie gehören Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus.
Bei Menschen wird davon ausgegangen, dass etwa 15–20 % der Bevölkerung eine besonders hohe Ausprägung von Sensory Processing Sensitivity zeigen. Bei Hunden wurde untersucht, ob es eine vergleichbare Persönlichkeitseigenschaft gibt. In einer internationalen Studie mit 3.647 vollständig ausgefüllten Fragebögen wurde dafür ein 32-teiliger Fragebogen zur Erfassung der „Sensory Processing Sensitivity“ bei Hunden entwickelt. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass diese Eigenschaft bei Hunden messbar ist und teilweise unabhängig von Ängstlichkeit und Neurotizismus besteht.
Warum eine solche Eigenschaft evolutionär sinnvoll sein könnte, lässt sich gut am Leben in einer Gruppe erklären: Wenn einzelne Tiere besonders fein auf Veränderungen und mögliche Gefahren reagieren, können sie unter Umständen Reize wahrnehmen, die anderen Tieren entgehen. Gleichzeitig wäre eine sehr hohe Sensibilität für alle Tiere einer Gruppe nicht unbedingt von Vorteil, da eine ständige Reaktion auf kleinste Reize auch zu mehr Stress und unnötigen Alarmreaktionen führen könnte. Die Annahme, dass unterschiedliche Ausprägungen der Sensibilität einen evolutionären Vorteil haben können, ist ein Erklärungsmodell und sollte nicht als beim Hund abschließend bewiesene Tatsache dargestellt werden.
Auch genetische Einflüsse sind denkbar. Die Studie zur Sensory Processing Sensitivity bei Hunden fand Hinweise darauf, dass dem Merkmal möglicherweise eine genetische Grundlage zugrunde liegt. Gleichzeitig erklärten Rasse-, Umwelt- und menschliche Faktoren nur einen kleinen Teil der Unterschiede in den erhobenen HSD-Werten. Wissenschaftliche Quelle: Braem, M. et al. (2017): Development of the “Highly Sensitive Dog” questionnaire to evaluate the personality dimension “Sensory Processing Sensitivity” in dogs. PLOS ONE, 12(5), e0177616.
Typische Merkmale eines hochsensiblen Hundes
- Nimmt visuelle Reize, Gerüche und Geräusche besonders intensiv wahr
- Reagiert empfindlich auf Veränderungen in der Umgebung
- Ist schnell unkonzentriert oder unruhig
- Kann bei vielen Reizen überdreht oder hyperaktiv wirken
- Reagieren stark auf Emotionen der Bezugsperson
- Reagiert empfindlich auf Berührungen
- Kann nach intensiven Situationen schnell ermüden oder anschließend überdreht wirken
- Kann zu Unsicherheit oder Ängstlichkeit neigen
- Nimmt subtile Signale des Menschen besonders aufmerksam wahr
- Kann Schwierigkeiten damit haben, sich von Reizen oder Situationen abzugrenzen
- Kann im Freilauf schneller überfordert sein und sich an mehr Orientierung durch den Menschen besser fühlen
- Sie spiegeln ihren Halter, d.h. reagieren (Verhalten) und fühlen (Emotion) gleich
- Kann besonders sensibel auf Veränderungen im Alltag reagieren
Mögliche körperliche Besonderheiten
Beobachtungen aus der Praxis: Manche Halter berichten bei besonders sensiblen Hunden auch von körperlichen Besonderheiten wie einer empfindlichen Verdauung oder einer stärkeren Reaktion auf bestimmte Reize. Solche Symptome sind jedoch nicht spezifisch für Hochsensibilität und sollten bei anhaltenden oder starken Beschwerden tierärztlich abgeklärt werden.
- Tendenz zu Unverträglichkeiten und Allergien
- Sind stressanfälliger und daher infektanfällig
- Reagieren stark auf Medikamente, ätherische Öle, etc.
- Sind sehr schmerzempfindlich
- Wetterfühlig: Reagiert sensibel auf Regen, Wind und Wetterveränderungen
- Sensibler Magen-Darm
Hochsensibilität, Angst oder Stress – wo liegt der Unterschied?
Hochsensibilität ist nicht dasselbe wie Angst oder Stress. Ein hochsensibler Hund kann Umweltreize besonders intensiv wahrnehmen und verarbeiten, ohne grundsätzlich ängstlich zu sein. Angst beschreibt dagegen eine emotionale Reaktion auf eine als bedrohlich wahrgenommene Situation. Stress entsteht, wenn Anforderungen oder Reize einen Hund belasten und seine Möglichkeiten zur Verarbeitung oder Bewältigung übersteigen.
Ein hochsensibler Hund kann durch seine intensive Wahrnehmung allerdings schneller überreizt werden und dadurch gestresst oder unsicher reagieren. Deshalb können sich die Verhaltensweisen überschneiden. Die Forschung zur Sensory Processing Sensitivity bei Hunden zeigt ebenfalls, dass die erfasste Sensitivität zwar mit Ängstlichkeit zusammenhängt, aber nicht mit ihr gleichzusetzen ist.
Deshalb bedeutet ein „Ja“ zu mehreren Merkmalen dieses Tests nicht automatisch, dass ein Hund hochsensibel ist. Verhalten sollte immer im Zusammenhang mit der jeweiligen Situation, der Vorgeschichte und dem individuellen Hund betrachtet werden.
Hochsensibler Hund: 32-Fragen-Test
Mit diesem Test kannst du einschätzen, ob dein Hund Merkmale von Hochsensibilität zeigt. Beantworte die folgenden 32 Fragen möglichst ehrlich anhand des Verhaltens deines Hundes.
- 1. Mein Hund ist leicht gestresst, ist schnell mit Situationen überfordert
- 2. Mein Hund wird schnell nervös oder ist häufig nervös
- 3. Mein Hund ist generell unentspannt und kann schlecht mit Stress umgehe
- 4. Mein Hund ist emotional instabil d.h. meistens unausgeglichen und schnell aus der Fassung zu bringen
- 5. Mein Hund ist eher unsicher und/oder vorsichtig
- 6. Mein Hund ist schreckhaft
- 7. Mein Hund hat Mühe mit Veränderungen im Alltag, im Tagesablauf z.B. Besuch, Ferien, Umzug etc.
- 8. Mein Hund ist tendenziell misstrauisch
- 9. Mein Hund kann sich schlecht an neue Umgebungen gewöhnen und dort entspannen
- 10. Mein Hund hat Mühe damit, wenn ihn Leute anfassen und/oder wenn ihn etwas berührt
- 11. Mein Hund braucht Sicherheit
- 12. Mein Hund braucht lange, bis er sich nach einer Erregung erholt und wieder runter kommt
- 13. Mein Hund hat Mühe damit, wenn ich ihn draußen warten lasse und mich außer Sichtweite begebe
- 14. Mein Hund ist reaktiv. Er nimmt geringe Reize schnell wahr und reagiert schnell und/oder stark darauf
- 15. Mein Hund hat "die Antennen immer ausgefahren"
- 16. Mein Hund beobachtet alles, was um ihn herum geschieht
- 17. Mein Hund scheint alles, was um ihn herum läuft aufzusaugen
- 18. Mein Hund ist leicht erregbar, "fährt schnell hoch", sei es durch positive oder negative Reize
- 19. Mein Hund reagiert stark auf visuelle Reize
- 20. Mein Hund hat eine feine Wahrnehmung, nimmt viel oder fast alles wahr
- 21. Mein Hund ist fordernd
- 22. Mein Hund ist eher unruhig
- 23. Mein Hund ist sensibel
- 24. Mein Hund reagiert schon auf geringe Veränderungen der Stimme, Intonation, Lautstärke der Stimme
- 25. Mein Hund reagiert stark auf Bestrafungen
- 26. Mein Hund ist emotional, reagiert stark auf positive und/oder negative Ereignisse
- 27. Mein Hund reagiert darauf, wenn wir zuhause streiten
- 28. Mein Hund ist aufmerksam
- 29. Mein Hund bemerkt kleine Veränderungen
- 30. Mein Hund ist nachdenklich
- 31. Mein Hund ist intelligent
- 32. Mein Hund ist fügsam
32-Fragen-Fragebogen zur Orientierung, übersetzt nach Braem et al. (2017)
Auswertung: Du hast 20 oder mehr Fragen angekreuzt? Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass dein Hund hochsensibel ist. Ich erkläre dir nun, wie das Gehirn deines Hundes funktioniert UND in welchen Bereichen dein Hund hochsensibel ist.
Wie verarbeitet ein hochsensibler Hund Reize?
Das Gehirn eines hochsensiblen Hundes arbeitet anders. Der Thalamus ist dem Großhirn vorgeschaltet und agiert als Filtermechanismus. Er bestimmt, welche Informationen wichtig und welche unwichtig sind. Während nicht hochsensible Hunde den Regen, das nasse Gras, das vorbeirauschende Auto und das prasselnde Geräusch des Regens auf dem Flachdach wahrnehmen und im Gehirn als unwichtig deklariert, nehmen hochsensible Hunde diese Sinnesreize als wichtig war.
Die Reize werden genau analysiert und wahrgenommen. Dadurch ist der Arbeitsspeicher im Gehirn schneller voll und die Wahrnehmung und Verarbeitung dieser Infos dauert deutlich länger. Es entsteht somit eine Überforderung und der Körper des Hundes startet schneller eine Stressreaktion, welche sich auch im Verhalten widerspiegelt. Sicherlich ist dir im Alltag aufgefallen, dass dein Hund oft gestresst ist und gar nicht weiß, wo hinten und vorne ist. Daran merkst du, dass dein Hund mit den ganzen „wichtigen“ Informationen überfordert ist.
Des Weiteren gewöhnen sich hochsensible Hunde nicht an bestimmte Reize, wie es nicht hochsensible Hunde tun würden, da der Thalamus denselben Reiz immer und immer wieder als wichtig einstuft. Darum ist die Trainingstechnik „Gewöhnung“ (Desensibilisierung) für hochsensible Hunde oft der falsche Ansatz und sollte unbedingt vermieden werden! Auch bei hochsensiblen Menschen (es sind ebenfalls 15-20% unserer Bevölkerung) tritt diese Gewöhnung nicht ein. Ein Grund, warum das Wohnen neben einer Kirche oder einer lauten Straße nicht möglich ist.
Ist Hochsensibilität beim Hund angeboren oder erlernt?
Bei einer genetisch veranlagten Hochsensibilität ist der Filtermechanismus von Beginn an anders, d.h. bereits im Mutterleib wird das Gehirn anders strukturiert als bei nicht hochsensiblen Hunden. Auch sensible Hunderassen können diese Gehirnstruktur aufweisen. Die bereits vorhandene Sensibilität wird nochmal verstärkt durch die besondere Gehirnstruktur. Eine erlernte Hochsensibilität (Persönlichkeitseigenschaft) gibt es nicht, denn die Gehirnstrukturen können nicht verändert werden. Ein Hund kann jedoch durch eine Lernerfahrung auf bestimmte Reize schneller sensibel reagieren als zuvor. Diese erlernte Sensibilisierung (Sensitivierung) wird z.B. durch ein Trauma oder eine starke emotionale Erfahrung ausgelöst, hat jedoch nichts mit der Persönlichkeitseigenschaft „Hochsensibilität“ zu tun.
Woran erkennst du, in welchem Bereich dein Hund hochsensibel ist?
Hochsensibilität kann sich bei Hunden auf unterschiedliche Weise zeigen. Manche Hunde reagieren besonders stark auf Sinnesreize, andere verarbeiten Informationen besonders intensiv oder nehmen die Emotionen ihrer Umwelt außergewöhnlich stark wahr.
Aktualisierung: September 2026



